Lambert Schneider stammte aus einer katholischen Familie und wuchs in Karlsruhe auf, war in der Revolutionszeit Spartakist, studierte Theaterwissenschaften und beschloss mit 25 Jahren, Verleger zu werden. Der Verlag Lambert Schneider wurde 1925 in Berlin gegründet; das erste Projekt war die von Schneider initiierte Neuübersetzung des Alten Testaments unmittelbar aus dem Hebräischen durch Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig (Schneiders Intention war eine nicht christianisierte oder philosophisch interpretierte Übertragung).[1] Trotz Schneiders universalistischer Intention bestimmten Buber und sein gedankliches Umfeld zunächst das Verlagsprogramm: Franz Rosenzweig, Eugen Rosenstock-Huessy, Hermann Herrigel, Ernst Michel, Neuauflagen der Werke Gustav Landauers (eng befreundet mit Buber), Hans Trüb. Weitere Autoren waren Leo Schestow, Ewald Wasmuth, Hans Kayser. Für drei Jahre erschien die Zeitschrift Die Kreatur, herausgegeben von einem Juden (Buber), einem Katholiken (Joseph Wittig) und einem Protestanten (Viktor von Weizsäcker). Im herstellerischen und typographischen Bereich orientierte sich Lambert Schneider zunächst an Jakob Hegner, später an Carl Ernst Poeschel.
Als der Salzburger Verleger Otto Müller mit Berufsverbot belegt wurde und gezwungen werden sollte, seinen Verlag für ein Zehntel des Wertes an einen nationalsozialistischen Funktionär zu verkaufen, übernahm Lambert Schneider den Otto Müller Verlag pro forma auf Grundlage des tatsächlichen Wertes.[2]
In den Jahren nach 1945 wurde Lambert Schneider Vorsitzender einer Heidelberger Aktionsgruppe zur Demokratie und zum freien Sozialismus, die sich auf Initiative von Alfred Weber gegründet hatte. (Zu den Referenten zählten Adolf Arndt, Heinrich von Brentano, Carlo Schmid, engagiert beteiligt war auch Alexander Mitscherlich). Bedeutsame Veröffentlichungen des Verlages in den ersten Jahren nach 1945 waren u. a.: Karl Jaspers: Die Schuldfrage (1946); Arthur Rimbaud: Sämtliche Dichtungen (zweisprachig, Übersetzung Walther Küchler, 1946) sowie Briefe und Dokumente (1961); Marianne Weber: Erfülltes Leben (1946); Psyche (hrsg. von Alexander Mitscherlich, Jahrgang 1–4); Alexander Mitscherlich/Fred Mielke: Wissenschaft ohne Menschlichkeit (1949; Neuausgabe unter dem Titel Medizin ohne Menschlichkeit); Anne Frank: Tagebuch der Anne Frank (1950, deutsche Erstausgabe); Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk (1955, Erstveröffentlichung ihres Werks). Weitere Autoren waren Dante Gabriel Rossetti, Rudolf Frank, Ernst Fuhrmann, Werner Kraft, Stéphane Mallarmé und Oskar Loerke.
Lambert Schneider hat auch nach 1945 die meisten deutschsprachigen Werke Martin Bubers verlegt. Nach seinem Tod 1970 wurde der Verlag Lambert Schneider von Lothar und Christa Stiehm fortgeführt.[3][4] 1991 wurde das Unternehmen an den Verleger Heinz M. Bleicher veräußert. 1999 erwarb die WBG Darmstadt den Verlag (mit Ausnahme der Rechte am Gesamtwerk von Martin Buber, die kurz zuvor an das Gütersloher Verlagshaus gegangen waren). Das Verlagsarchiv des ursprünglichen Verlags Lambert Schneider befindet sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
Lambert Schneiders erste Ehefrau war Gert Schimmelburg; sie kam aus jüdischer Familie und verunglückte 1933 tödlich. 1934 heiratete er Marion Schleuning (23. Juni 1903–1. Juni 2000), eine Verlagsmitarbeiterin seit 1926. Der Klassische Archäologe Lambert Schneider ist ein Sohn aus der zweiten Ehe.
Literatur
Rechenschaft über vierzig Jahre Verlagsarbeit 1925–1965. Ein Almanach. L. Schneider, Heidelberg 1965.
Bertold Hack: Lambert Schneider, Verleger und Verlag. In: Imprimatur. Ein Jahrbuch für Bücherfreunde. Neue Folge, Band VI (1969)
Verlag Lambert Schneider. 60 Jahre Verlagsarbeit. Heidelberg 1986 (Verlagskatalog 1986; enthält ausführliche bibliografische Angaben, jedoch fehlen die zu diesem Zeitpunkt vergriffenen Titel vor 1945 sowie „zufällig“ ins Programm gekommene Titel der Nachkriegszeit).
Hans Altenhein: Lambert Schneider und seine Verlage. In: Aus dem Antiquariat. Neue Folge 8, Nr. 3/4 (2010), S. 128–141.
Lambert Schneider: Biographicum (in: Fritz Hodeige (Hrsg.): das werck der bucher. Von der Wirksamkeit des Buches in Vergangenheit und Gegenwart, Freiburg 1956; S. 9–18).
Lothar Stiehm, der Verleger von Albert Schweitzer und Martin Buber, im Dialog mit Tomaso Carnetto, in: Albert Schweitzer Rundbrief Nr. 94 (2002; S. 78–99).
"Die Arbeit wächst von innen her!" Verlag Lambert Schneider / Lothar Stiehm Verlag (1925–1999). Berlin 2019. ISBN 978-3-945980-38-5, pdf
↑Lothar Stiehm, der Verleger von Albert Schweitzer und Martin Buber, im Dialog mit Tomaso Carnetto, geführt am 13. Februar 2002 in Heidelberg, in: Albert Schweitzer Rundbrief Nr. 94, hrsg. vom Deutschen Albert-Schweitzer-Zentrum Frankfurt/M., Juni 2002; S. 78–99