Bosiit

2014-094[1]

Bosiit
Bosiit
Rötlichbrauner Bosiit aus dem Bergwerk Valletta, Aisone, Provinz Cuneo, Piemont, Italien
Allgemeines und Klassifikation
IMA-Nummer

2014-094[1]

IMA-Symbol

Bos[2]

Chemische Formel
  • Na Fe3+3(Al4Mg2)(Si6O18)(BO3)3(OH)3O[3]
Mineralklasse
(und ggf. Abteilung)
Silikate und Germanate – Ringsilikate
System-Nummer nach
Lapis-Systematik
(nach Strunz und Weiß)

VIII/E.19-072[4]
Kristallographische Daten
Kristallsystem trigonal
Kristallklasse; Symbol 3/mVorlage:Kristallklasse/Unbekannte Kristallklasse
Raumgruppe R3m (Nr. 160)Vorlage:Raumgruppe/160
Gitterparameter a = natürlich: 16,101(3) Å; c = natürlich: 7,327(2) Å[3]
Formeleinheiten Z = 3[3]
Zwillingsbildung nicht beobachtet[3]
Physikalische Eigenschaften
Mohshärte 7
Dichte (g/cm3) gemessen: 3,23(3) berechnet: 3,26(1)[3]
Spaltbarkeit nicht beobachtet[3]
Bruch; Tenazität nicht beobachtet[3]
Farbe dunkelbraun - schwarz[3]
Strichfarbe dunkelbraun[3]
Transparenz Bitte ergänzen!
Glanz Glasglanz[3]
Kristalloptik
Brechungsindizes nω = 1,760(5)[3]
nε = 1,687(5)[3]
Doppelbrechung δ = 0,073
Optischer Charakter einachsig negativ[3]
Pleochroismus gelb-braun bis rot-braun[3]

Das Mineral Bosiit ist ein sehr seltenes Ringsilikat aus der Turmalingruppe mit der idealisierten chemischen Zusammensetzung Na(Fe3+3)(Al4Mg2)(Si6O18)(BO3)3(OH)3O.[3]

Bosiit ist anhand äußerer Kennzeichen nicht von anderen dunklen Turmalinen wie Schörl, Oxy-Schörl, Povondrait, Fluor-Burgerit, Dravit oder Oxy-Dravit zu unterscheiden. Er kristallisiert mit trigonaler Symmetrie und bildet schwarze bis dunkelbraune, prismatische Kristalle von einigen Millimetern Größe. Im Dünnschliff erscheinen sie gelb-braun bis rot-braun. Wie alle Minerale der Turmalingruppe ist Bosiit pyroelektrisch und piezoelektrisch.

Die Typlokalität ist ein Sulfid-führender Gold-Quarz-Gang der Darasun-Goldlagerstätte in der Nähe von Werschino-Darassunski im Bezirk Tungokotschen in der Region Transbaikalien, Russland.[3]

Etymologie und Geschichte

Turmaline, die statt Aluminium (Al3+) ferrisches Eisen (Fe3+) enthalten, kennt man seit Mitte der 1960er Jahre, als Fluor-Buergerit in einem Rhyolith in Mexiko entdeckt wurde.[5] Ein noch eisenreicherer Turmalin, Povondrait, wurde 1993 beschrieben.[6] Seither wurden Fe3+-reiche Turmaline in unterschiedlichen Fundorten nachgewiesen, so z. B. metamorphen Evaporiten[7] oder Porphyrischen Kupferlagerstätten. Im Jahr 2011 beschrieben Geowissenschaftler der Lomonossow-Universität Moskau und der Russischen Akademie der Wissenschaften Oxy-Dravit-Povondrait-Mischkristalle aus den hydrothermalen Gängen der Darasun-Goldlagerstätte.[8] 5 Jahre später identifizierten sie zusammen mit österreichischen Mineralogen die eisenreicheren Teile dieser Turmaline als neues Mineral, das sie nach Ferdinando Bosi, einem Mineralogen der Universität La Sapienza in Rom, benannten, in Würdigung seiner mineralogischen und kristallographischen Arbeiten über Turmaline und Spinelle.[3]

Klassifikation

In der strukturellen Klassifikation der IMA gehört Bosiit zusammen mit Chromo-Alumino-Povondrait, Maruyamait, Oxy-Chrom-Dravit, Oxy-Dravit, Oxy-Schörl, Oxy-Vanadium-Dravit, Povondrait, Princivalleit, Vanadio-Oxy-Chrom-Dravit und Vanadio-Oxy-Dravit zur Alkali-Untergruppe 3 in der Turmalinobergruppe.[9][10]

Da Bosiit erst 2014 als eigenständiges Mineral anerkannt wurde, ist er weder in der veralteten 8. Auflage noch in der von der International Mineralogical Association (IMA) zuletzt 2009 aktualisierten[11] 9. Auflage der Strunz’schen Mineralsystematik verzeichnet. Auch die vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchliche Systematik der Minerale nach Dana kennt den Bosiit noch nicht.

In der zuletzt 2018 überarbeiteten Lapis-Systematik nach Stefan Weiß, die formal auf der alten Systematik von Karl Hugo Strunz in der 8. Auflage basiert, erhielt das Mineral die System- und Mineralnummer VIII/E.19-072. Dies entspricht der Klasse der „Silikate“ und dort der Abteilung „Ringsilikate“, wo Bosiit zusammen mit Adachiit, Chrom-Dravit, Chromo-Alumino-Povondrait, Darrellhenryit, Dravit, Elbait, Feruvit, Fluor-Buergerit, Fluor-Dravit, Fluor-Elbait, Fluor-Liddicoatit, Fluor-Schörl, Fluor-Tsilaisit, Fluor-Uvit, Foitit, Lucchesiit, Luinait-(OH) (diskreditiert), Magnesio-Foitit, Maruyamait, Olenit, Oxy-Chrom-Dravit, Oxy-Dravit, Oxy-Foitit, Oxy-Schörl, Oxy-Vanadium-Dravit, Povondrait, Rossmanit, Schörl, Tsilaisit, Uvit, Vanadio-Oxy-Chrom-Dravit und Vanadio-Oxy-Dravit die „Turmalingruppe“ mit der Systemnummer VIII/E.19 bildet.[4]

Die von der Mineraldatenbank „Mindat.org“ weitergeführte Strunz-Klassifikation in der 9. Auflage ordnet den Bosiit wie die Lapis-Systematik in die Abteilung der „Ringsilikate“, genauer in die Unterabteilung „[Si6O18]12−-Sechser-Einfachringe mit inselartigen, komplexen Anionen“ (englisch [Si6O18]12− 6-membered single rings, with insular complex anions), wo er ohne weitere Einordnung in eine Gruppe mit verwandten Mineralen mit der übergeordneten Systemnummer der Unterabteilung 9.CK. zu finden ist (vergleiche dazu auch gleichnamige Unterabteilung in der Klassifikation nach Strunz (9. Auflage)).[12]

Chemismus

Bosiit ist ein Zwischenglied der Oxy-Dravit-Povondrait-Reihe und hat die idealisierte Zusammensetzung [X]Na[Y]Fe3+3[Z](Al4Mg2)([T]Si6O18)(BO3)3[V](OH)3[W]O,[3] wobei [X], [Y], [Z], [T], [V] und [W] die Positionen in der Turmalinstruktur sind.

Für den Bosiit aus der Typlokalität wurde folgende Zusammensetzung bestimmt:

  • [X](Na0,73Ca0,230,04)[Y](Fe3+1,47Al0,13Mg2+0,80Fe2+0,59Ti4+0,07)[Z](Al3,23Fe3+1,88Mg2+0,89) [[T](Si5,92Al0,08)O18](BO3)3 [V](OH)3[W][O0,85(OH)0,15][3]

Bosiit bildet komplexe Mischkristalle mit Oxy-Dravit, Povondrait, Schörl und Oxy-Schörl gemäß der Austauschreaktionen:

  • [Y]Fe3+ = [Y]Al3+ (Oxy-Dravit)
  • [Z]Al3+ = [Z]Fe3+ (Povondrait)
  • 3[Y]Fe3+ + 2[Z]Mg2+ + [W]O2− = 3[Y]Fe2+ + 2[Z]Al3+ + [W](OH) (Schörl)
  • 3[Y]Fe3+ + 2[Z]Mg2+ = 2[Y]Fe2+ + [Y]Al3+ + 2[Z]Al3+ (Oxy-Schörl)

Kristallstruktur

Bosiit kristallisiert mit trigonaler Symmetrie in der Raumgruppe R3m (Raumgruppen-Nr. 160)Vorlage:Raumgruppe/160 mit 3 Formeleinheiten pro Elementarzelle. Die Gitterparameter des natürlichen Mischkristalls aus der Typlokalität sind: a = 16,101(3) Å, c = 7,327(2) Å.[3]

Die Kristallstruktur ist die von Turmalin. Natrium (Na+) besetzt die von 9 Sauerstoffen umgebene X-Position, die oktaedrisch koordinierte [Y]-Position ist überwiegend mit Eisen (Fe3+) besetzt und die kleinere, ebenfalls oktaedrisch koordinierte [Z]-Position ist gemischt besetzt mit vier Aluminium (Al3+) und zwei Magnesium (Mg2+). Die tetraedrisch koordinierte [T]-Position enthält Silizium (Si4+). Die [V]-Anionenposition ist vorwiegend mit (OH) besetzt und die [W]-Anionenposition mit einem Sauerstoffionen (O2−).[3]

Bildung und Fundorte

Die Werschino-Darassunski-Goldmine

Die Typlokalität ist ein Sulfid-führender Gold-Quarz-Gang der Darasun-Goldlagerstätte in der Nähe von Werschino-Darassunski im Bezirk Tungokotschen in der Region Transbaikalien, Russland. Bosiit bildete sich hier hydrothermal im Zuge der Intrusion eines kaliumreichen Granodioritporphyrs. Er kristallisierte bei ca. 380 °C und 0,02 GPa, was einer Tiefe von 600–800 m entspricht, und tritt zusammen mit Pyrit und Quarz auf. Die Zusammensetzung entwickelte sich von bosiitischen Kernen über Oxy-Dravitischen Kristallrändern und Nadeln zu Dravit als späteste Turmalinbildung. Weitere Minerale in den Gold-Quarz-Gängen sind Calcit, Dolomit, Arsenopyrit, Chalkopyrit, Pyrrhotin, Tetraedrit, Sphalerit, Galenit und Gold.[8][3]

Weltweit wurde bislang (2022) nur von wenigen weiteren Vorkommen berichtet.[13]

Literatur

  • Andreas Ertl, Ivan A. Baksheev, Gerald Giester, Christian L. Lengauer, Vsevolod Yu. Prokof'ev, Lidiya D. Zorina: Bosiite, NaFe3+3(Al4Mg2)(Si6O18)(BO3)3(OH)3O, a new ferric member of the tourmaline supergroup from the Darasun gold deposit, Transbaikalia, Russia. In: European Journal of Mineralogie. Band 28, Nr. 3, 2016, S. 581–591, doi:10.1127/ejm/2016/0028-2540 (englisch).
  • Bosiite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org [PDF; 90 kB; abgerufen am 5. März 2026]).
Commons: Bosiite – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Malcolm Back, Cristian Biagioni, William D. Birch, Michel Blondieau, Hans-Peter Boja und andere: The New IMA List of Minerals – A Work in Progress – Updated: January 2026. (PDF; 3,1 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Marco Pasero, Januar 2026, abgerufen am 5. März 2026 (englisch).
  2. Laurence N. Warr: IMA–CNMNC approved mineral symbols. In: Mineralogical Magazine. Band 85, 2021, S. 291–320, doi:10.1180/mgm.2021.43 (englisch, cambridge.org [PDF; 351 kB; abgerufen am 5. März 2026]).
  3. a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u Andreas Ertl, Ivan A. Baksheev, Gerald Giester, Christian L. Lengauer, Vsevolod Yu. Prokof'ev, Lidiya D. Zorina: Bosiite, NaFe3+3(Al4Mg2)(Si6O18)(BO3)3(OH)3O, a new ferric member of the tourmaline supergroup from the Darasun gold deposit, Transbaikalia, Russia. In: European Journal of Mineralogie. Band 28, Nr. 3, 2016, S. 581–591, doi:10.1127/ejm/2016/0028-2540 (englisch).
  4. a b Stefan Weiß: Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
  5. Brian Mason, Gabrielle Donnay, L. A. Hardie: Ferric Tourmaline from Mexico. In: Science. Band 144, Nr. 3614, 1964, S. 71–73, doi:10.1126/science.144.3614.71 (englisch).
  6. Joel, D. Grice, T. Scott Ercit, Frank C. Hawtharne: Povondraite, a redefinition of the tourmaline ferridravite. In: American Mineralogist. Band 78, 1993, S. 433–436 (englisch, minsocam.org [PDF; 454 kB; abgerufen am 5. März 2026]).
  7. Vladimír Žáček, Alfred Petrov, Jaroslav Hyršl: Chemistry and origin of povondraite-bearing rocks from Alto Chapare, Cochabamba, Bolivia. In: Journal of the Czech Geological Society. Band 43, 1998, S. 59–68 (englisch, jgeosci.org [PDF; 3,0 MB; abgerufen am 5. März 2026]).
  8. a b Ivan A. Baksheev, Vsevolod Yu. Prokof'ev, Vasily O. Yapaskurt, Marina F. Vigasina, Lidiya D. Zorina, Victor N. Solov'ev: Ferric-iron-rich tourmaline from the Darasun gold deposit, Transbaikalia, Russia. In: Canadian Mineralogist. Band 49, Nr. 1, 2011, S. 263–276, doi:10.3749/canmin.49.1.263 (englisch, Download verfügbar bei researchgate.net [PDF; 3,0 MB; abgerufen am 5. März 2026]).
  9. Darrell J. Henry, Milan Novák, Frank C. Hawthorne, Andreas Ertl, Barbara L. Dutrow, Pavel Uher, Federico Pezzotta: Nomenclature of the tourmaline-supergroup minerals. In: American Mineralogist. Band 96, 2011, S. 895–913 (englisch, Digitalisat bei rruff.info (Memento vom 6. September 2023 im Internet Archive) [PDF; 618 kB; abgerufen am 5. März 2026]).
  10. Darrell J. Henry, Barbara L. Dutrow: Tourmaline studies through time: contributions to scientific advancements. In: Journal of Geosciences. Band 63, 2018, S. 77–98 (englisch, jgeosci.org [PDF; 2,2 MB; abgerufen am 5. März 2026]).
  11. Ernest H. Nickel, Monte C. Nichols: IMA/CNMNC List of Minerals 2009. (PDF; 1,9 MB) In: cnmnc.units.it. IMA/CNMNC, Januar 2009, archiviert vom Original am 29. Juli 2024; abgerufen am 30. Juli 2024 (englisch).
  12. Classification of Bosiite. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 5. März 2026 (englisch, siehe auch Anker „Strunz-Mindat“).
  13. Fundortliste für Bosiit beim Mineralienatlas (deutsch) und bei Mindat (englisch), abgerufen am 5. März 2026.

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