Die Geschichte der Straßenbahn Galați beginnt mit der Gründung der Societé anonyme d’exploitation des tramways de Galatz et de Roumanie durch belgische Aktionäre am 22. September 1895. Diese Gesellschaft erhielt im Jahr 1900 die Konzession zum Betrieb der Straßenbahn in Galați. Die Konzession umfasste den Bau von fünf elektrischen Straßenbahnlinien mit der Spurweite 1000 Millimeter, mit alten Phönixschienen, Weichen mit Stellgewicht, mit einer Gleislänge von insgesamt 26,5 Kilometern auf folgenden Strecken: Bahnhof CFR ↔ Docks, Großer Platz (ro: Piaţa Mare) ↔ Tunnel Filești, Brăilei-Straße, Palast der Europäischen Donaukommission ↔ Stadtpark, Tecuci-Straße.
Die erste Straßenbahnlinie wurde am 14. August 1900 in Betrieb genommen. Der Verlauf der ersten Strecke war wie folgt: vom Betriebshof längs der Straßen Portului, Ana Ipătescu, Dogăriei, Tecuci, Nicolae Bălcescu, Brăilei, Mihai Bravu und Traian. Der Betriebshof befand sich an der Gării-Straße 8. Heute wird das Gelände von der Elektrizitätsgesellschaft genutzt.
Die Betriebsanlagen umfassten Gleise, Oberleitungen, ein Elektrizitätswerk, ein Straßenbahndepot und ein Verwaltungsgebäude. All dies beanspruchte eine Fläche von 4620 Quadratmetern, das Gelände gehörte der Stadt. Der Betriebshof besaß sechs Abstellgleise auf einer Stellfläche von 830 Quadratmetern. Auf jedem konnten sechs Wagen abgestellt werden. Unter den Gleisen befanden sich Arbeitsgruben, die der Kontrolle der Wagen sowie der Demontage und Reparatur der Achsen, Motoren und Räder dienten.
Der Wagenpark bestand aus 18 Triebwagen und 18 Beiwagen. Jeder Triebwagen hatte zwei Achsen und einen Motor mit einer Leistung von 30 PS sowie zwei Bremssysteme. Die Triebwagen besaßen 24 Sitzplätze auf zwei Bänken, in den Beiwagen befanden sich sechs Bänke mit je zwei Sitzplätzen. Die Wagen verfügten über eine Beleuchtung für Nachtfahrten und im Winter wurden sie mit abnehmbaren Fensterscheiben ausgerüstet.
Die Schienen wurden in einem Schotterbett verlegt. Die Oberleitungsmasten waren aus Metall und der Fahrdraht war in Abschnitte eingeteilt, um Reparaturen bei Schäden zu erleichtern.
Zwischen Januar 1917 und Juni 1919 verkehrten wegen des Ersten Weltkriegs keine Straßenbahnen in Galați.
Im Jahr 1925 verkehrten auf private Initiative die ersten Omnibusse in Galați. Im Jahr 1931 übernahmen die Uzinele Comunale Galați (deutsch: Stadtwerke Galatz) den Öffentlichen Verkehr sowohl mit Omnibussen als auch mit Straßenbahnen. Der Fuhrpark der Straßenbahn bestand nun aus 19 neuen Wagen, die von der Schiffswerft Galați gebaut wurden.
Seit dem Jahr 1944 war die Stadt ohne elektrischen Nahverkehr. 1948 wurde der Verkehr vom Întreprinderea Comunală Galați (ICG) (deutsch: Kommunales Unternehmen Galatz) wieder aufgenommen. Es standen nur sieben Straßenbahnwagen zur Verfügung, die wieder einsatzfähig gemacht worden waren, nachdem die Straßenbahn durch den Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Bis zum Jahr 1956 wuchs der Wagenpark auf 45 Straßenbahntriebwagen und 11 Beiwagen an.
1962 übernahm das Întreprinderea de Transport Orășenesc Galați (ITO) (de: Städtisches Verkehrsunternehmen Galatz) die Betriebsführung. Der Wagenpark umfasste nun 55 Straßenbahnwagen. In den 1960er Jahren erlebte die Stadt mit dem Bau eines riesigen Stahlwerkes für 30 000 Arbeiter westlich der Stadt einen wirtschaftlichen Aufschwung. Um den Verkehr zwischen Stadt und Stahlwerk bewältigen zu können, baute man die erste normalspurige Straßenbahn vom Stahlwerk bis zum Stadtteil Tiglina 3. Sie wurde 1971 eröffnet. Seit dieser Zeit verkehrten Straßenbahnen auf zwei Spurweiten durch die Stadt. Bis 1975 wurden dann Schritt für Schritt die verbliebenen Meterspurstrecken auf Normalspur umgestellt. Der Schichtverkehr zum Stahlwerk wurde ab 1981 mit Dreiwagenzügen aus T3R und Timis 2 durchgeführt. Bis heute lebt die Stadt Galati und der Straßenbahnbetrieb hauptsächlich im Rhythmus der Stahlwerkschichtzeiten. Außerhalb der Schichtwechselzeiten sind die Fahrpläne auch auf den Tageslinien sehr ausgedünnt.
Ein neuer Betriebshof wurde im Viertel I.C. Frimu gebaut, auf dem Gelände des ersten Flugzeughangars von Galați, der isoliert beim alten Flughafen der Stadt lag und von Häusern umgeben war. Der Hangar existiert mit einer anderen Nutzung auch heute noch.
Im November 1979 wurde das Întreprinderea Județeană de Transport Local (IJTL) (de: Nahverkehrsunternehmen des Kreises) gegründet, das auch in der Gegenwart unter dem Namen S.C. Transurb S.A. existiert. Es besaß damals 170 Straßenbahnwagen, davon 55 Beiwagen, das Schienennetz umfasste nun 32,8 Kilometer Gleislänge. Ein neues Depot für 50 Straßenbahnwagen wurde in Betrieb genommen.
Nach 1980 wurde das Netz auf eine Gleislänge von 33,8 Kilometern erweitert, von denen 9 Kilometer in moderner Bauweise realisiert wurden, mit Längsschwellen aus Stahlbeton. Neue Strecken wurden auf der Straße des 13. Juni, der Scânteii-Straße, zwischen Siderurgiștilor und Gheorge Asachi, und auf dem George Coșbuc-Boulevard zwischen Piersicului und Basarabiei, auf der Suliței-Straße und der Ștefan cel Mare-Straße gebaut. Die Straßenbahn wurde in dieser Zeit zum wichtigsten öffentlichen Verkehrsmittel. Darüber hinaus begann man sie auch für den Güterverkehr zu nutzen. Besondere Güterstraßenbahnen beförderten Gemüse und Obst vom Lager des ILF (Întreprinderea de Legume și Fructe) am Prutului-Weg zum Großen Platz (rumänisch: Piaţa Mare). Es gingen drei Unterwerke in Betrieb: am Combinat Osttor, im Norden der Stadt und am Bahnhof. Damals wurde das Depot Nr. 1 vergrößert, um die Wartungskapazität zu verdoppeln. Außerdem wurde ein neuer Betriebshof für 100 Straßenbahnwagen im Norden der Stadt gebaut.
Der Name des Betreibers wechselte am 11. Januar 1991 von IJTL in R.A.T.U., aus der wiederum im Jahr 1998 die Gesellschaft Transurb S.A. entstand.[2]
Jüngere Entwicklungen
Sowohl nach der Revolution als auch in der Gegenwart leidet der elektrische Nahverkehr in Rumänien darunter, dass Linien und ganze Straßenbahn- und Oberleitungsbusnetze von politischen Entscheidungsträgern stillgelegt wurden. In Galați war die Situation nicht erfreulicher, zwischen 1990 und 2011 schrumpfte das Straßenbahnnetz stufenweise. Die Strecken auf dem Traian-Boulevard, dem Coșbuc-Boulevard, der Bucovinei-Straße, der Ana Ipătescu-Straße und der Portului-Straße wurden stillgelegt. Die Strecke zwischen dem Combinat Nordtor und Combinat Osttor (heute: Arcelor Mittal) blieb erhalten, ist aber zurzeit nicht befahrbar.
Das Projekt einer Stadtbahn könnte das Netz vom Combinat Nordtor bis zur Gemeinde Smârdan erweitern. Nach der Revolution verpasste Galați die Chance, das Straßenbahnnetz bis nach Brăila zu erweitern und mit dem dortigen Netz zu vereinigen. Geplant war die Verbindung als Stadtbahn mit einer Entwurfsgeschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde. Obwohl es stark geschrumpft ist, wird das Straßenbahnnetz in Galați zurzeit vollständig erneuert. Bereits modernisiert wurde die Strecke auf dem Basarabiei-Boulevard zwischen dem Energiei-Platz und der Domnească-Straße. Im Zeitraum vom 12. März 2012 bis zum 12. Oktober 2013 sollen die Strecken auf den Straßen Oțelarilor, Stadionului, Frunzei und Asachi erneuert werden.
Liniennetz
Heutige Linien
Das Straßenbahnnetz ist seit 1990 stark geschrumpft, zeitweise war die Rede von der völligen Stilllegung der Straßenbahn in Galați.
Im Jahr 2012 verkehrten in Galați neun Straßenbahnlinien.[3] Von diesen wurden jedoch nur vier ganztägig betrieben, die restlichen fünf verkehrten nur mit einzelnen Fahrten morgens und nachmittags zum Schichtwechsel im Stahlwerk.
Von 1971 bis 1974 erhielt der Betrieb zunächst 50 Fahrzeuge des Typs T3R von CKD Tatra[1] und anschließend in den Jahren 1978 bis 1982 insgesamt 71 in Rumänien hergestellte Timiș-2-Züge. Sie verkehrten teilweise auch als Dreiwagenzüge mit einem Triebwagen und zwei Beiwagen. Zwischen Mitte der 1990er Jahre und 2012 wurden Gebrauchtwagen als Ersatz für die T3R und Timiș-2 beschafft.[1] Dabei handelte es sich um Tatra T4D der Straßenbahn Magdeburg und der Straßenbahn Dresden, Duewag-Großraumwagen der Straßenbahn Frankfurt am Main, Tatra KT4D der Straßenbahn Berlin sowie von Duewag gebaute ZGT6 der Straßenbahn Rotterdam.[1] Der Einsatz der Timiș-2 endete 1998 und die T4D sowie die Duewag-Großraumwagen wurden 2013 von den insgesamt 27 ZGT6 abgelöst.
Im Jahr 2018 wurden bei Astra Vagoane acht 18,6 m lange[1] und 2,4 m breite[1]Niederflurwagen des Typs Autentic bestellt, mit einer Option auf insgesamt bis zu 18 Fahrzeuge[5]. Die Auslieferung der acht zuerst bestellten Fahrzeuge erfolgte 2021 und führte auch zum Ende des Einsatzes der KT4D.[1] Von den ZGT6 sind (Stand Mai 2023) noch 25 Stück im Einsatz.[1] Am 16. Mai 2023 wurde eine Ausschreibung zur Beschaffung zehn weiterer ungefähr 18 m langer Niederflurwagen veröffentlicht.[6]
Literatur
A. Günther, S. Tarkhov, C. Blank: Straßenbahnatlas Rumänien 2004. Arbeitsgemeinschaft Blickpunkt Straßenbahn e. V., Berlin 2004, ISBN 3-926524-23-5.
↑ abcdefghAndrew Phipps, Robert Schwandl: Tram Atlas Südosteuropa. 1. Auflage. Robert Schwandl Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-936573-69-5, S.86–89 (deutsch, englisch).
↑Vergangenheit. Transurb Galați S. A., archiviert vom Original am 24. Oktober 2012; abgerufen am 16. Oktober 2012 (rumänisch).
↑Linien. Transurb Galaţi S.A., archiviert vom Original am 15. Oktober 2012; abgerufen am 11. Oktober 2012 (rumänisch).
↑296554-2023 - Wettbewerb. , Rumänien-Galați: Straßenbahnpersonenwagen. In: Tenders Electronic Daily. Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union, 16. Mai 2023, abgerufen am 15. September 2024.