Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung Leipzig 1897
Die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung Leipzig 1897 (STIGA[1]) war eine umfassende LeistungsschauMitteldeutschlands vom 24. April bis 19. Oktober 1897 in Leipzig, verbunden mit vielseitigen Unterhaltungsangeboten.
Die überregionale Ausstellung hatte 2,4 Millionen Besucher[2]. Es war die bis dato größte Ausstellung in Sachsen. Die Gesamtkosten betrugen 2,1 Millionen Mark. Für die Entwicklung der Leipziger Messe bewirkte sie die erstrebten Impulse.
Leipzig würdigt 2022 das 125-jährige Jubiläum dieser Ausstellung und ihre wirtschaftliche Ausstrahlung für die Stadt und die beteiligten Regionen.[3]
Der sächsische König Albert (1828–1902) übernahm die Schirmherrschaft der Ausstellung. Die Vorbereitungen begannen 1894, da ursprünglich 1895 als Ausstellungsjahr geplant war.
Ausgehend von der Einmündung der Beethovenstraße in die Karl-Tauchnitz-Straße wurde als Mittelachse des Geländes eine Allee mit einer Brücke über das Pleißeflutbett bis zur 40.000 Quadratmeter großen Haupthalle der Ausstellung, der Industriehalle, angelegt, die König-Albert-Allee (heute Anton-Bruckner-Allee). Der Haupteingang des Geländes am Beginn der heutigen Anton-Bruckner-Straße (Kreisverkehr Karl-Tauchnitz-Straße) war von zwei mächtigen weißen Säulen flankiert. Bis zum Brückenübergang lag eine Vielzahl weiterer Ausstellungshallen, wie die landwirtschaftliche Halle, die Gartenbauhalle, die Textilhalle, die Gas- und Wasserhalle, die Fahrradhalle, ein Pavillon der Stadt Leipzig[5], Hallen von Einzelfirmen und eine Kunsthalle. Insgesamt nahmen 3027 ausstellende Unternehmen teil.[6]
Für die Kunstausstellung wählte eine Jury 864 Kunstwerke von 362 sächsischen und thüringischen Künstlern aus. Neben Gemälden und Plastiken waren auch Architekturentwürfe vertreten. Kontrovers aufgenommener Höhepunkt der Ausstellung war Max Klingers (1857–1920) Monumentalgemälde Christus im Olymp, das hier erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.[7]
Auf Schauwert ausgelegt war der Nachbau mittelalterlicher Leipziger Gebäude in Originalgröße mit dem Alten Rathaus, Auerbachs Hof und dem Naschmarkt, eines Thüringer Dorfes mit Kirche, Mühle, Gasthof und Bauernhöfen, einer sogenannten Tiroler Bergfahrt und einer „Kolonialausstellung“ mit dem Nachbau einer Handelsstraße in Daressalam und einer afrikanischen Eingeborenensiedlung („Negerdorf“), die von mehr als 50 Bantuleuten bevölkert war.
Sowohl in der Mitte der König-Albert-Allee als auch südlich von ihr waren künstliche Teiche angelegt worden, letztgenannter hatte in der Mitte eine farbig beleuchtete Fontäne. Um ihn gruppierten sich das Hauptrestaurant, das Hauptcafé (Wiener Café) und das Kneipenviertel. Es gab ein eigenes Theater und einen Rummelplatz (Vergnügungsviertel). Das Gelände konnte mit einer kleinen, von einer Elektrolokomotive gezogenen Bahn umrundet werden.
Hinter der Haupt-Ausstellungshalle befanden sich die Betriebsanlagen des Geländes. Ein eigenes Kraftwerk sorgte für den elektrischen Strom. Eigene Dampf- und Wasserleitungsnetze waren vorhanden. Alle Gebäude und Anlagen waren ausschließlich durch sächsische und thüringische Firmen errichtet worden.[8]
Ansichtskarten von der Ausstellung
Haupteingang und Industriehalle
Buchgewerbehaus
Locomobilhalle und Fontäne
Nachbau von Alt-Leipzig
Bilanz und Nachnutzung
Als die Ausstellung feierlich schloss, hatten sie 2,4 Millionen Besucher gesehen.[9] Damit hatten sich die Gesamtkosten von 2,1 Millionen Mark (1,7 Millionen Mark aus Spenden der Bürgerschaft) rentiert. Es war die größte Ausstellung, die Leipzig je erlebt hatte. Auch die weitere Entwicklung der Messe hatte die gewünschten Impulse erhalten.
Die Bauten, die in einer leichten Bauweise nur für die Ausstellung errichtet worden waren, wurden sämtlich wieder abgerissen. 1899 erhielt der neu entstandene Park auf dem ehemaligen Gelände der Gewerbeausstellung den Namen „König-Albert-Park“.
Die Anton-Bruckner-Allee und die beiden Teiche sind noch direkte Zeugen der Ausstellung. Aus Schuttresten der Ausstellung wurden im mittleren Teil zwei Hügel gebildet, die in den heutigen Park integriert sind, der Leonorenhügel oder „Kleine Warze“ (110,5 Meter über NHN) zwischen Franz-Schubert-Platz und der ehemaligen Gartenbauhalle der Ausstellung, und die „Warze“ oder „Große Warze“ (112,5 Meter über NHN) gegenüber dem Inselteich am Standort des ehemaligen Theaters. Beide dienen heute als Rodelhänge.
Ein Gebäude existiert noch. Im Kneipenviertel der Ausstellung gab es die Gaststätte Blockhaus, die auch als solches errichtet war und von der Leipziger Brauerei F. A. Ullrich betrieben wurde. Diese Brauerei setzte das Blockhaus nach Ausstellungsende als Gartenlokal in den Kleingartenverein „Westvorstädtischer Schreberverein zu Leipzig-Kleinzschocher“ an der Diezmannstraße um, wo es bis in die 1980er Jahre noch als solches fungierte, danach als Räumlichkeiten des Kleingartenvorstands. Der Kleingartenverein heißt seit 1934 „Blockhaus“.[10]
Überbleibsel der Ausstellung
Blick über das Bassin in die Anton-Bruckner-Allee, ehemals Hauptachse der Ausstellung (2010)
Der Inselteich. Die Insel (rechts) trug damals die beleuchtete Fontäne. (2010)
Die „Warze“ an der Stelle des ehemaligen Theaters (2010)
Das Blockhaus aus dem Kneipenviertel der Ausstellung (2010)
Varia
Auf dem Gelände gab es als Komfort für die Besucher eine elektrisch betriebene Ausstellungs-Bahn.
Die Leipziger Ausstellungs-Zeitung erschien täglich als offizielles Organ der Ausstellung.[11]
120 Jahre Industrie- und Gewerbeausstellung Leipzig 1897–2017, Zwei Sonderausgaben des Musikpavillon-Journals 2017, (online)
Hans-Christian Mannschatz: Die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung Leipzig 1897. In: Das Leipziger Musikviertel. Verlag im Wissenschaftszentrum, Leipzig 1997, ISBN 3-930433-18-4, S. 78–80
Enrico Hochmuth: Das Problem des Industrie- und Gewerbeausstellungswesens und die Musealgeschichte. Das Beispiel der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung in Leipzig im Jahr 1897. In: Katharina Flügel und Frank-Dietrich Jacob (Hg.), Curiositas. Zeitschrift für Museologie und museale Quellenkunde, Nr. 1, Langenweißbach und Leipzig 2001, S. 137–165.
Enrico Hochmuth: Die Industrie- und Gewerbeausstellung 1897 und ausgewählte kartographische Quellen. In: Stadt Leipzig / Stadtarchiv Leipzig (Hg.), Leipziger Kalender (Sonderband: Leipzig im Kartenbild), 1,Leipzig 2001, S. 89–94.
Enrico Hochmuth: „…Ein Bild vom Stande des heimischen Gewerbe- und Künstlerfleißes“ Zur Geschichte der Industrie- und Gewerbeausstellungen in Leipzig im 19. Jahrhundert. In: Katharina Flügel und Frank-Dietrich Jacob (Hg.), Curiositas. Zeitschrift für Museologie und museale Quellenkunde, Langenweißbach u. Leipzig 2005, S. 47–60.
Enrico Hochmuth: Industrie- und Gewerbeausstellungen in Sachsen 1824–1914. Ihr Beitrag zur regionalen und kommunalen Standortbildung, Sächsisches Wirtschaftsarchiv (Hg.), Band 9, Reihe A: Beiträge zur Wirtschaftsgeschichte Sachsens, Sax-Verlag, Markkleeberg 2012.
Enrico Hochmuth: Seffner großartig! Klinger scheußlich! Die Kunstausstellung auf der Leipziger Industrieausstellung 1897. In: Leipziger Blätter, Nr. 41 (2002), S. 54.
Enrico Hochmuth: Von der Dschungelhütte zum Glashaus. In: Leipziger Blätter, Nr. 39 (2001), S. 29–31
Johannes Kleinpaul: Offizieller Katalog der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbe-Ausstellung zu Leipzig 1897. G. L. Daube & Co., Leipzig 1897. (Digitalisat)
Offizieller Führer der Sächsisch-Thüringischen Industrie- und Gewerbe-Ausstellung Leipzig 1897. G. L. Daube & Co., Leipzig 1897. (Digitalisat)
↑120 Jahre Industrie- und Gewerbeausstellung Leipzig 1897–2017. Teil 1, S. 3
↑Die Ausstellungshalle der Stadt Leipzig. In: Offizieller Führer durch die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbe-Ausstellung, Leipzig 1897. Abgerufen am 18. April 2022.
↑Enrico Hochmut: Von der Dschungelhütte zum Glashaus. S. 29.
↑Enrico Hochmut: Seffner großartig! Klinger scheußlich! ... S. 54.
↑Hans-Christian Mannschatz: Die Sächsisch-Thüringische Industrie- und Gewerbeausstellung ..., S. 80
↑120 Jahre Industrie- und Gewerbeausstellung Leipzig 1897–2017. Teil 1, S. 2
↑Leipziger Volkszeitung vom 5. Februar 2010, S. 19.