Emil Kahn

Emil Leopold Kahn (geboren am 10. November 1896 in Frankfurt am Main; gestorben am 25. Januar 1985 in New York City, New York) war ein deutscher Dirigent und Ko

Emil Kahn

Emil Leopold Kahn (geboren am 10. November 1896 in Frankfurt am Main; gestorben am 25. Januar 1985 in New York City, New York) war ein deutscher Dirigent und Komponist, der als Opfer nationalsozialistischer Rassenpolitik 1935 in die Vereinigten Staaten von Amerika emigrierte.[1]

Leben

Kahn wuchs in einer jüdischen Familie in Frankfurt am Main auf, nahm bereits ab 1911 Unterricht bei Bernhard Sekles und studierte ab 1915 am Hoch’schen Konservatorium Komposition bei Sekles, Klavier bei Eduard Jung, Partiturspiel bei Karl Breidenstein und Dirigieren bei Fritz Bassermann. Gleichzeitig erhielt er Cellounterricht bei Ary Schuyer.[2.1] Im Ersten Weltkrieg wurde er 1915 zum Militärdienst eingezogen, konnte aber sein Studium bis 1918 fortsetzen.[2.2]

Nach Anfängen als Korrepetitor am Mecklenburgischen Landestheater bildete er sich in Leipzig bei Hermann Scherchen weiter und begann eine Laufbahn als Dirigent vorwiegend zeitgenössischer Musik in Karlsruhe, Mannheim, Hannover, Hamburg und Berlin.[2.3]

1925 zog Kahn nach Stuttgart, wo er zunächst als musikalischer Leiter eines Kinoorchesters im Theater am Charlottenplatz[3] und als Gastdirigent der Stuttgarter Philharmoniker arbeitete. Er trat im selben Jahr auch als Komponist hervor und leitete die Uraufführung seiner Sinfonie für Orchester, Chor und Solisten nach Gedichten von Rabindranath Tagore. Im Januar 1926 wurde er als Kapellmeister der Stuttgarter Philharmoniker und der SÜRAG verpflichtet, somit als ständiger Ko-Dirigent zunächst neben Hans Seeber-van der Floe, dann neben Efrem Kurtz,[2.4] 1928 wurde er leitender Dirigent der Rundfunkkonzerte. In seiner Stuttgarter Zeit dirigierte Kahn sowohl Werke aus Oper und Operette, sinfonisches Repertoire wie auch Walzer, Tänze und Märsche sowie gelegentlich eigene Kompositionen wie etwa eine Bühnenmusik (1928) zu Johann Nestroys Posse Frühere Verhältnisse.[2.5] Als Gast leitete er u. a. 1932 die Wiener Symphoniker.[4]

Nach der Machtergreifung des NS-Regimes wurde Kahn als Jude im März 1933 aus seinen Ämtern entlassen.[3] Gastdirigate in Großbritannien beim Bournemouth Symphony Orchestra (1933) und beim London Symphony Orchestra mit dem Pianisten Artur Rubinstein (1934) folgten.[2.6] In Stuttgart konnte er wegen des Dirigierverbots nur unter dem Pseudonym Fredy Linter noch weiter arbeiten.[5] Mit einem Teil der Philharmoniker formierte er Tanz-Kapellen und -Orchester, mit denen er populäre Titel für das Label Elton einspielte,[6] darunter Filmschlager wie Wir wollen mal wieder bummeln gehen[7] oder Erst eine Walzernacht.[8] Zwei Jahre später wurde ihm auch hier gekündigt.

Kahn gelang es, ein Besuchervisum für die USA zu bekommen, und erreichte mit dem Ozeandampfer President Harding am 11. Dezember 1935 den Hafen von New York.[2.7] Das zur Einwanderung nötige, nur im US-Ausland erhältliche Quota-Visum verschaffte sich Kahn in Kuba über ein Gastdirigat beim Orquesta Filarmónica de Habana.[2.8] 1936 wurde er Leiter des Hochschulorchesters am Montclair State Teachers College und 1937 Leiter des Montclair Orchestra – beide Tätigkeiten übte er rund 25 Jahre aus.[2.9]

1938 dirigierte Kahn Musiker des von Arturo Toscanini gegründeten NBC Symphony Orchestra bei den Opéra-comique-Produktionen Die Nürnberger Puppe von Adolphe Adam und Die Tochter des Tambourmajors von Jacques Offenbach. Zeitweise arbeitete er auch ab 1941 für die New Opera Company in New York und leitete Opernworkshops.[2.10]

Ende 1943 wurde Kahn US-amerikanischer Staatsbürger. Nach Kriegsende übernahm er 1945 und 1946 die musikalische Leitung von Léonide Massines Truppe Ballet Russe Highlights.[2.11]

Bei Besuchen in Stuttgart ab 1952 wirkte Kahn als Gastdirigent beim Sinfonieorchester des Süddeutschen Rundfunks und bei den Stuttgarter Philharmonikern. Bei diesen Konzerten führte er u. a. Werke wie die Louisiana Story-Suite von Virgil Thomson, The Unanswered Question von Charles Ives, Pacific 231 von Arthur Honegger, die Lysistrata-Ballettsuite von Richard Mohaupt und die Operette Salon Pitzelberger von Offenbach auf.[2.12] 1959 begann er neben seiner Anstellung als Dirigent noch eine Lehrtätigkeit als Assistant Professor am Montclair State Teachers College und ging 1962 in den Ruhestand.[2.13]

Für das US-amerikanische Label Music Minus One spielte Kahn zwischen 1963 und 1978 etliche Platten ein.[9] Unter dem Titel Conducting veröffentlichte er 1965 ein Lehrbuch über das Dirigieren.[6]

In den Jahren 1970 bis 1983 wirkte er als Chefdirigent des Senior Concert Orchestra New York, eines 70-köpfigen Ensembles aus pensionierten Berufsmusikern, bekannt durch regelmäßige Konzerte in der Carnegie Hall.[10] Das Montclair College verlieh ihm 1977 den Titel emeritus professor.[6]

Familie

Aus der Ehe mit Nellie Budge (1918–1928) entstammten Hans (1920–2017), Peter (1921–1997), Eva Maria (1922–2009) und Wolf Kahn (1927–2020).[11] In zweiter Ehe (1928–1940) war Kahn mit Ellen Beck, in dritter Ehe (1941–1948) mit Matilda Strazza verheiratet.

Werke (Auswahl)

  • Von Sonne und Meer. Lied für Sopran (1917)
  • Blaublümelein. Lied für Sopran (1917)
  • Sinfonie für Chor, Orchester und Solisten nach Gedichten von Rabindranath Tagore (1925)
  • Christmas-Suite für Orchester (1939–1953)
  • The Owl. Lied für Gesangsstimme und Orchester auf ein Gedicht von Alfred Lord Tennyson (1955)
  • From Jewish Folk Life. Suite für Kammerorchester (1951)

Literatur

  • Rainer Bunz: Blick zurück in eine große Zukunft. Der Dirigent Emil Kahn. BoD, Norderstedt 2024, ISBN 978-3-7583-8333-5.

Einzelnachweise

  1. Emil Leopold Kahn im Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (LexM), Stand: 2. Juli 2024
  2. Rainer Bunz: Blick zurück in eine große Zukunft. Der Dirigent Emil Kahn. BoD, Norderstedt 2024, ISBN 978-3-7583-8333-5 (286 Seiten).
    1. S. 29–30
    2. S. 32–33
    3. S. 40–62
    4. S. 70–78
    5. S. 89–91
    6. S. 105–106
    7. S. 112
    8. S. 122–123
    9. S. 126, 135–136
    10. S. 149, 180
    11. S. 179, 190
    12. S. 211–215
    13. S. 221–222
  3. a b Markus Speidel: Emil Kahn / Fredy Linter – ein jüdischer Dirigent in Stuttgart. In: Stadtmuseum Stuttgart. 21. September 2013, abgerufen am 13. August 2026.
  4. Gastdirigat Emil Kahn in Wien am 13. Juli 1932. In: Konzertarchiv Wiener Symphoniker. Abgerufen am 13. August 2026.
  5. Hagen Schulz: Die Gleichschaltung des Philharmonischen Orchesters Stutigart 1933. In: Georg Günther, Reiner Nägele (Hrsg.): Musik in Baden-Württemberg. Springer, 2001, ISBN 978-3-476-01872-4, S. 193–220.
  6. a b c John Berky: Emil Kahn. (PDF 1,3 MB) In: The ElectroMusik recording of the Andante from the Bruckner Symphony No. 4. Abgerufen am 14. August 2026 (englisch).
  7. Wir wollen mal wieder bummeln gehn (1934) auf YouTube
  8. Stuttgarter Tanzkapellen. Historische Schellack-Raritäten 1933–1935 bei Discogs
  9. Emil Kahn bei Discogs
  10. Robert Sherman: An Orchestra That Mellows With Age. In: The New York Times. 26. November 1976, abgerufen am 13. August 2026 (englisch).
  11. Emil Kahn. In: The New York Times. 28. Januar 1985, abgerufen am 13. August 2026.

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